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Dieser Bildschirm hat fünfzigmal mit Waschmittel eine normale Waschmaschine durchlaufen und ist kaum dunkler geworden. Er ist in einen Ärmel eingewebt und etwas größer als eine Postkarte. Darauf lassen sich ein Taschenrechner oder ein Kompass öffnen. Fotos blättern vorbei. Videos laufen. Sogar Sprachbefehle versteht er. Drückt man mit dem Finger auf ein Bild, reagiert der Ärmel wie ein Handy. Ein abnehmbares Elektronikmodul gibt es nicht: Die LEDs und Chips in den Fäden wandern selbst in die Trommel.

Ingenieure der National University of Singapore beschrieben den Ärmel am 21. Oktober 2026 in einer Arbeit in Nature . Am überraschendsten ist, wie bescheiden er ist. Der Bildschirm hat 5.184 Pixel, fast ein Drittel mehr als ein Nokia 3310 mit Tasten. Trotzdem nennen die Autoren ihn den weltweit ersten Touchscreen, der aus den Fäden des Kleidungsstücks selbst gewebt ist. Jeder Faden leuchtet und spürt zugleich die Berührung.

Fünfzig Wäschen klingen abstrakt. Wer einmal pro Woche wäscht, kommt damit auf fast ein Jahr Tragezeit: ein Rekord für Elektronik, aber noch nicht die Jahre, die ein gewöhnliches Kleidungsstück hält. Smarte Kleidung wird seit etwa einem Jahrzehnt versprochen und stolpert immer wieder über zwei Dinge: die Wäsche und die Software. Der neue Ärmel kommt beim ersten Problem voran. Um das zweite hat sich noch niemand gekümmert.

Ein Faden, einen Millimeter dick

Der Bildschirm besteht aus 54 Fäden, die entlang des Unterarms liegen. Jeder trägt 96 LEDs, das ergibt ein Bild aus 96 mal 54 Punkten. Unter den LEDs, im selben Faden, sitzt eine zweite Schicht, die Druck erfasst. Eine Fingerspitze schließt einen Stromkreis, der Controller berechnet, wo, und der nächstgelegene Pixel leuchtet auf.

Der Faden entsteht durch thermisches Ziehen, denselben Trick, mit dem man Glasfasern zieht. Grob gesagt baut man zuerst einen dicken, geschichteten Vorformling, eine Art überdimensioniertes Modell des künftigen Fadens. Dann erhitzt man ihn, bis er weich wie Karamell wird, und zieht. Die Schichten behalten ihre Reihenfolge, und heraus kommt eine Faser von etwa einem Millimeter Dicke und bis zu zehn Metern Länge . Zum Vergleich: Die 54 Zeilen des Ärmels zu je 17 Zentimetern ergeben zusammen etwa neun Meter. Ein einziger Zug würde für den ganzen Bildschirm reichen.

Schwierig war die Verdrahtung. Ein Faden ist im Grunde eindimensional, es bleibt also kaum Platz für komplexe Schaltungen, erklärt der Leiter der Gruppe, Tural Khudiyev, Assistenzprofessor am NUS College of Design and Engineering. Der Bildschirm gelang erst, als das Team lernte, Fasern in „elektronische Bausteine“ zu verwandeln, die sich wie gewöhnliches Garn verhalten.

Wie man 20.000 Kontakte in einem Faden lötet

In der Faser stecken extrem feine isolierte Drähte. Ein Laser entfernt die Isolierung genau an den Stellen, an denen ein Kontakt nötig ist. Flüssiges Lot verteilt sich dann entlang des Drahts und bleibt nur an den freigelegten Stellen haften, so wie Wasser auf sauberem Glas zwischen fettigen Flecken Tropfen bildet. So verbindet der Ärmelbildschirm über 5.000 Chips mit mehr als 20.000 elektrischen Verbindungen.

Ein dicker Vorformling wird zu einem Faden gezogen, die Chips reihen sich daran wie Perlen auf
Ein dicker Vorformling wird zu einem Faden gezogen, die Chips reihen sich daran wie Perlen auf

Die Auflösung eines Tastenhandys

Jeder Punkt auf dem Ärmel ist fast so groß wie ein Stecknadelkopf, etwa zwei Millimeter breit. Auf dem Bildschirm des Nokia 3310 waren die Punkte mehr als viermal kleiner, und auf einem modernen Smartphone erkennt man sie mit bloßem Auge gar nicht mehr.

Das reicht für einen Taschenrechner oder eine Kompassnadel. Für eine lange Chatnachricht reicht es nicht, und die Universität tut auch nicht so. Den nächsten Schritt sieht das Team in kleineren Chips und dünneren Fäden: Die Methode lässt beides zu, das würde das Bild schärfer machen und erlauben, den Faden auf gewöhnlichen Fabrikmaschinen zu stricken und zu besticken.

Dafür ist hier jeder Punkt farbig, und das Bild wechselt 30-mal pro Sekunde, wie bei einem normalen Video. Außerdem atmet der Bildschirmstoff so gut wie Baumwolle oder Jeans. Das ist wichtiger, als es klingt. Niemand wird Kleidung tragen, in der man unter einer Plastikfolie schwitzt, so raffiniert sie auch leuchtet.

Leuchtende Stoffe wurden übrigens schon früher gezeigt. 2021 beschrieb die Gruppe von Huisheng Peng an der Fudan-Universität in Schanghai in Nature ein Display-Textil von sechs Metern Länge und 25 Zentimetern Breite. Es wurde auf einem Industriewebstuhl wie normaler Stoff gewebt, aber Tastatur und Stromversorgung waren separate Stoffstücke. Im Singapurer Ärmel stecken Licht und Berührung zusammen mit der Verdrahtung in einem einzigen Faden, weshalb man ihn Touchscreen nennt.

Die Jacke für zehn Wäschen

Es gab Versuche, smarte Kleidung in den Massenmarkt zu bringen, und der lauteste endete leise. 2015 stellte Google das Project Jacquard vor: leitfähige Fäden, die sich in normalen Stoff einweben lassen. Levi’s war der erste Partner, und im Herbst 2017 kam eine Jeansjacke für 350 Dollar in die Läden. Die Jacke war für Radfahrer in der Stadt gedacht. Ein Wischen über die linke Manschette, und der Titel in den Kopfhörern sprang weiter, während das Handy in der Tasche einen Anruf annahm oder den Weg ansagte.

Die ganze Elektronik steckte in einem abnehmbaren Plastikanhänger an der Manschette, den man vor dem Waschen abklipste. Nur die leitfähigen Fäden kamen in die Trommel, und Google versprach etwa zehn Wäschen . Später stellte die Firma klar, zehn Zyklen seien das Minimum, das die Jacke in Tests bestanden habe, die härter waren als eine Haushaltswäsche. Der eigentliche Unterschied zum Singapurer Ärmel liegt woanders: Dort wandern die LEDs und Chips selbst in die Waschmaschine.

// Chronik

  1. Google stellt das Project Jacquard vor und nennt Levi’s als ersten Partner.
  2. Die Levi’s-Jacke mit Jacquard kommt für 350 Dollar in den Handel.
  3. Google stellt die Jacquard-App ein, die berührungsempfindlichen Manschetten funktionieren nicht mehr.
  4. Ingenieure aus Singapur veröffentlichen einen Ärmel, in dem jeder Faden leuchtet und Berührung spürt.

Die Wäsche hat die Jacke nicht umgebracht: Google stellte die Jacquard-App ein , und die Manschetten verstummten. Sie waren noch da, aber nichts antwortete ihnen mehr. Aus einer smarten Jacke für 350 Dollar wurde wieder eine Jacke.

Was dem Ärmel noch fehlt

Die Mitteilung der Universität sagt nichts zu dem, was jeder Käufer als Erstes fragen würde: zum Akku und dazu, wann der Ärmel überhaupt in den Handel kommen könnte. Auch einen Preis gibt es nicht. Es ist ein Laborprototyp, und die Werte zu Waschen und Biegen hat das Team selbst im Labor gemessen. Die Fäden überstanden 1.000 Biegungen mit einem Radius von fünf Millimetern, aber niemand hat getestet, wie sie einen Winter im Rucksack verkraften. Ebenso unbekannt ist, was nach der hundertsten Wäsche mit dem Bildschirm passiert: So oft wurde er noch nicht gewaschen.

Als erste Anwendung sieht Khudiyev die Medizin. Der Ärmel zeigt schon jetzt die Körpertemperatur an. Kleidung könne, so Khudiyev, mit in die Fäden gewebten Sensoren fortlaufend Daten über den Körper sammeln, und der Träger könne sie direkt auf dem Ärmel ansehen, ohne Handy und Uhr. Für einen älteren Patienten mit Blutdruckproblemen oder einen Läufer klingt das verlockend.

Bleibt die zweite Schwäche, die ein Labor nicht beheben kann. Einen Faden kann man robust machen, aber die App dahinter lebt genau so lange, wie ein Unternehmen sie pflegen will. Die Software der Levi’s-Jacke hielt fünfeinhalb Jahre. Der Faden hat gelernt, die Waschmaschine zu überleben, aber wer verpflichtet sich, Software für Kleidung zu pflegen, die Menschen jahrelang tragen?