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2010 brachte Ming-Zher Poh, Doktorand an Harvard und MIT, einer gewöhnlichen Webcam bei, den Puls am Gesicht abzulesen. Jeder Herzschlag drückt etwas mehr Blut in die Gefäße unter der Haut und verändert, wie die Haut Licht zurückwirft. Seine Software erkannte den Unterschied. Der Harvarder Studentenzeitung sagte er, das sei „ein Machbarkeitsnachweis“, und zählte auf, was er als Nächstes messen wollte: Atmung, Sauerstoffsättigung und Blutdruck.
Sechzehn Jahre später, am 5. November 2026, veröffentlichten Poh und seine Kollegen von Google Research in Nature eine Arbeit über eine Smartwatch. Rund eine Woche lang trugen 196 Menschen eine Uhr von Google, und ein Algorithmus erkannte 65,8 % derer, die Bluthochdruck hatten. Eine gewöhnliche Messung in der Arztpraxis kam auf 55,3 %. Dabei hat die Uhr den Blutdruck gar nicht gemessen. Welche Werte ihr Träger hat, weiß sie nicht. Sie schaut auf die Form des Pulses, auf den feinen Stoß, den jeder Herzschlag dem Handgelenk versetzt, und auf die Körpergröße.
Der Mann, der 2010 Maschinen das Blutdruckmessen beibringen wollte, spürt Bluthochdruck heute auf, indem er das Messen einfach weglässt.
Eine Krankheit, die nicht wehtut
Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation hatten 2024 weltweit 1,4 Milliarden Menschen zwischen 30 und 79 Jahren Bluthochdruck, also etwa jeder Dritte. Rund 600 Millionen von ihnen wissen nichts davon. Am größten ist die Lücke bei jungen Menschen: Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass Erwachsene zwischen 18 und 44 am seltensten von ihrem Bluthochdruck wissen.
Der Grund ist simpel. Es tut nicht weh. Hoher Blutdruck kann jahrelang kein einziges Symptom machen, also findet man ihn nur mit einer Manschette am Arm. Meist legt sie der Arzt beim Check-up an, einmal im Jahr oder seltener. Eine Messung in der Praxis ist ein Schnappschuss. Bei manchen schießt der Druck vor Aufregung hoch, sobald sie dem Arzt gegenübersitzen; andere haben in der Praxis tadellose Werte, aber bei der Arbeit und nachts zu hohe. Der Schnappschuss verpasst die übrigen 525.599 Minuten des Jahres.

Wearables versuchen seit Jahren, diese Lücke zu schließen, und laufen immer wieder gegen dieselbe Wand: die Kalibrierung. Eine Uhr ohne Manschette konnte verfolgen, wie der Druck gegenüber einem Ausgangswert stieg und fiel, aber diesen Ausgangswert musste immer wieder jemand mit einer normalen Manschette neu festlegen. Ohne ihn konnte die Uhr nicht sagen: „Dieser Mensch hat Bluthochdruck.“
Ein Puls, ein Rückstoß und die Körpergröße
Google näherte sich dem Problem über einen Umweg und hörte auf, Zahlen hinterherzujagen. Das Modell namens AI-PPG-ACC-HTN schätzt den Druck nicht in Millimetern Quecksilbersäule. Es beantwortet eine andere Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass der Blutdruck dieses Menschen dauerhaft zu hoch ist?
Die Daten stammen von zwei Sensoren, die fast jede Smartwatch hat. Ein optischer Sensor leuchtet in die Haut am Handgelenk und zeichnet die Pulswelle auf: wie sich die Gefäße mit jedem Schlag weiten. Der Beschleunigungssensor, der jede Bewegung der Uhr registriert, zeichnet ein Ballistokardiogramm auf. Jedes Mal, wenn das Herz Blut in die Aorta pumpt, ruckt der ganze Körper ein winziges Stück zurück, ähnlich wie ein Gewehr beim Schuss, und das Handgelenk bekommt einen kaum spürbaren Stups. Das Signal zeigt sich nur, wenn man still sitzt oder liegt, und solche Momente findet die Uhr selbst. Die dritte Zutat liefert gar kein Sensor. Es ist die Körpergröße, ein grobes Maß dafür, wie weit die Pulswelle durch die Arterien laufen muss.
Das Modell lernte ganz ohne medizinische Labels. Die Forscher fütterten es mit 492.347 Stunden Aufzeichnungen von 2.109 Freiwilligen, zerlegt in 15-Sekunden-Schnipsel, und ließen es selbst herausfinden, wie sich ein Puls vom anderen unterscheidet. Man stelle sich jemanden vor, der tausende Stunden lang ohne Wörterbuch einer fremden Sprache lauscht, bis er hört, wann ein Satz falsch klingt. Obendrauf sitzt eine einfache Formel: Aus den Aufzeichnungen mehrerer Tage und der Körpergröße errechnet sie eine endgültige Wahrscheinlichkeit.

Danach prüften die Autoren, worauf das Modell angesprungen war. Bei Menschen mit höherem Risiko war die Pulswelle etwas schmaler, und ihre Vorderflanke stieg langsamer an. Eine schmalere Welle kann auf steifere Arterien hindeuten. In einem steifen Schlauch läuft eine Druckwelle schneller und prallt früher zurück. Deshalb zählt für das Modell die Länge des Weges und damit die Körpergröße. Auch der Rückstoß des Körpers sah anders aus: Bestimmte Spitzen in der Aufzeichnung waren tiefer und breiter. Mit bloßem Auge würde das kein Arzt sehen. Eine Statistik über tausende Stunden schon.
Eine Woche am Handgelenk gegen eine Minute in der Praxis
Die Studie lief an fünf Kliniken in den USA, gemeinsam mit dem Beth Israel Deaconess Medical Center und der Harvard Medical School. Teilgenommen haben 196 Menschen ohne bekannte Herzerkrankung, die keine Blutdrucktabletten nahmen. Etwa eine Woche lang trugen sie die Uhr und lebten ihr normales Leben. Als Maßstab diente die 24-Stunden-Blutdruckmessung: Eine Manschette bleibt einen ganzen Tag am Oberarm und pumpt sich in regelmäßigen Abständen selbst auf, bei der Arbeit, zu Hause und im Schlaf. Ärzte halten sie für den zuverlässigsten Weg zur Diagnose.
Ein solcher Test beantwortet zwei getrennte Fragen, ganz wie ein Rauchmelder: Wie viele echte Brände bemerkt er, und wie oft schrillt er wegen eines angebrannten Toasts? Die Uhr bemerkte 65,8 % der Menschen mit Bluthochdruck, die erste Messung in der Praxis 55,3 %. Beide schlugen bei etwa einem von zehn Gesunden falschen Alarm. Wenn die Uhr anschlug, war der Alarm in 80,6 % der Fälle echt, wobei dieser Anteil auch davon abhängt, wie viele Teilnehmer überhaupt Bluthochdruck hatten. Eine wichtige Einschränkung: Der Unterschied zwischen Uhr und Arzt ist statistisch nicht signifikant. Bei 196 Menschen kann ein Vorsprung von zehn Prozentpunkten Zufall sein. Das ehrliche Fazit ist bescheidener: Die Uhr schnitt nicht schlechter ab als die Praxis.

Die Szene kennen viele. Der Arzt misst einen hohen Wert und schlägt vor, an einem anderen Tag wiederzukommen, vielleicht war es nur die Aufregung. Genau das hat die Studie geprüft. Bei 48 Teilnehmern fiel die erste Messung in der Praxis zu hoch aus, doch die 24-Stunden-Messung bestätigte Bluthochdruck nur bei 37 von ihnen, die anderen 11 hatten in Wahrheit normalen Druck. Was trennt also echten Bluthochdruck am besten vom Weißkitteleffekt: ein zweiter Termin, eine Woche mit der Uhr oder ein Messgerät für zu Hause?
// Hohen Blutdruck bestätigen: 48 Menschen
Zweite Messung beim Arzt
Erkannte 25 der 37 Menschen mit Bluthochdruck und schlug bei 4 der 11 Gesunden falschen Alarm.
Eine Woche mit der Uhr
Bemerkte 29 der 37 und lag nur bei einem der 11 Gesunden daneben.
Ein paar Tage Messgerät zu Hause
Schnitt am besten ab: fand 33 der 37 und schlug bei 2 der 11 Gesunden falschen Alarm.
Den schärfsten Blick hatte hier das unscheinbare Heimmessgerät, mehrere Tage hintereinander benutzt. Die wenigsten Fehlalarme leistete sich die Uhr: nur einen. Der zweite Gang zum Arzt verlor gegen beide.
Apple verkauft es schon, Google laviert noch
Neu ist die Idee nicht. Am 11. September 2025 hat die US-Arzneimittelbehörde FDA Mitteilungen zu Bluthochdruck für die Apple Watch freigegeben. Auch sie messen keinen Druck: Der optische Sensor sammelt 30 Tage lang Daten, und wenn die Anzeichen anhalten, empfiehlt die Uhr, den Blutdruck zu kontrollieren. In der Studie, die Apple bei der FDA einreichte, schlug die Uhr bei 41,2 % der Menschen mit Bluthochdruck an und blieb bei 92,3 % der Menschen ohne ihn still. Apple rechnete damit, dass im ersten Jahr mehr als eine Million Menschen mit unerkanntem Bluthochdruck eine solche Mitteilung bekommen.
Direkt vergleichen lassen sich die Zahlen von Apple und Google nicht. Apples Maßstab war ein Heimmessgerät, keine 24-Stunden-Messung, und auch Teilnehmer und Zeiträume waren andere. Die Größenordnung ist trotzdem klar: Eine Uhr am Handgelenk erwischt irgendwo zwischen zwei von fünf und zwei von drei Fällen und verpasst den Rest.
Google hat bereits eine eigene Funktion. Im August 2026 stellte das Unternehmen die Pixel Watch 5 und ein Funktionspaket namens Health Guardian vor. Dazu gehören Blutdrucktrends ohne Manschette auf der Pixel Watch 3, 4 und 5 und dem Fitbit Air, mit einem Datenpunkt zu Beginn jedes Monats. Im Blogbeitrag zur neuen Arbeit heißt es, die Forschung sei in diese Funktion eingeflossen. Zugleich heißt es dort, die Methoden seien explorativ und hätten nichts mit aktuellen oder künftigen Produkten zu tun. Beide Aussagen stehen im selben Beitrag.
Was die Uhr kann und was nicht
Menschen mit Herzerkrankungen und alle, die schon Blutdruckmittel nahmen, waren von Googles Studie ausgeschlossen. Das ist nachvollziehbar: Gesucht waren Menschen, die nichts von ihrem Bluthochdruck wissen. Trotzdem sagt die Arbeit nichts darüber, wie sich das Modell bei Herzkranken oder bereits Behandelten verhält. Außerdem hat das Unternehmen, das den Algorithmus entwickelt hat, ihn auch selbst getestet: Unter den Autoren sind neben Ärzten aus Harvard auch Google-Mitarbeiter.
Was die Studie liefert, ist dennoch neu. Eine Uhr ganz ohne Kalibrierung per Manschette trat gegen den strengsten Maßstab und einen gewöhnlichen Praxisbesuch an und verlor nicht. Bei einer Krankheit, von der 600 Millionen Menschen nichts wissen, ist das ein echter Fortschritt.
Was heißt das nun für alle, die eine Smartwatch tragen? Schweigt die Uhr, heißt das noch nicht, dass der Blutdruck normal ist. In Apples Unterlagen für die FDA steht das ausdrücklich, und Googles Uhr hat in der Studie fast jeden Dritten mit Bluthochdruck übersehen. Das empfindlichste Werkzeug dieser Untersuchung war ein ganz normales Blutdruckmessgerät, mehrere Tage zu Hause benutzt. Die eigentliche Aufgabe der Uhr ist also, Menschen zu diesem Gerät zu bringen.
Die Uhr aus Pohs Arbeit misst den Blutdruck immer noch nicht. Aber sie tut, was er schon 2010 der Studentenzeitung beschrieb: Sie lässt Menschen „über Tage oder Monate Langzeitdaten sammeln“.







