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„Wären Sie so freundlich, die folgende Frage zu lösen?“ gegen „Du armseliges Geschöpf, weißt du überhaupt, wie man das löst?“ Zwei Forscher der Penn State University stellten ChatGPT dieselben Fragen mit Einleitungen wie diesen. Die sehr unhöflichen Varianten wurden zu 84,8 % richtig beantwortet, die sehr höflichen zu 80,8 %. Das Preprint machte unter Schlagzeilen wie „Bessere Antworten gefällig? Sei ein Ekel“ die Runde.
Am 12. November 2026 tritt bei Anthropic eine Regel in Kraft, die genau in die andere Richtung zielt. Die überarbeiteten Nutzungsrichtlinien des Unternehmens verbieten „anhaltendes und grundloses beleidigendes oder grausames Verhalten“ gegenüber seinen Claude-Modellen. Das Verbot steht im selben Abschnitt wie die Belästigung von Menschen, die Verharmlosung von Selbstverletzung und die Verherrlichung von Gewalt. Einen Chatbot ausdauernd und grundlos zu quälen, steht damit auf dem Papier in einer Reihe mit Mobbing.
Das klingt nach einem Witz, doch hinter der Regel steckt eine ernste Geschichte. Und bei genauerem Hinsehen schrumpft der Vorteil der Unhöflichkeit: Vier Punkte bei 50 Fragen sind zwei zusätzliche richtige Antworten, und zwei weitere Studien fanden das Gegenteil oder gar keinen Effekt.
Was als Grausamkeit gegen Software gilt
Anthropic kündigte die Änderung am 8. Oktober an und ließ den Nutzern einen Monat Zeit, sich darauf einzustellen. Von Anfang an hieß es, die Regel ziele auf Extremfälle: auf jemanden, der das Modell „ohne erkennbaren Zweck“ immer weiter quält.
?Werde ich gesperrt, wenn ich Claude beschimpfe, weil es etwas falsch macht?
Nein, solange es Frust ist und nicht stundenlange Grausamkeit um ihrer selbst willen. Fluchen über eine falsche Antwort, Widerspruch, düstere Themen in fiktionalen Texten, Stresstests des Modells und Forschung fallen ausdrücklich nicht unter die Regel.
?Was passiert tatsächlich, wenn jemand gegen die Regel verstößt?
Das wichtigste Werkzeug ist laut Anthropic, dass das Modell das Gespräch selbst beenden kann. Dieser Chat nimmt dann keine Nachrichten mehr an, andere Chats bleiben aber unberührt, und ein neuer lässt sich sofort beginnen. Daneben gilt weiterhin die allgemeine Durchsetzungsklausel: Vermutet das Unternehmen einen Verstoß, kann es den Nutzer verwarnen oder den Zugang drosseln, einschränken, aussetzen oder beenden.
Die schwierigste Frage bleibt offen: Wo endet berechtigter Frust, und wo beginnt „grundlose“ Grausamkeit? Das Finanzratgeber-Portal Moneywise bat Anthropic um eine Stellungnahme – und bekam keine Antwort.
Der Aus-Knopf kam vor dem Verbot
Bevor Anthropic 2025 Claude Opus 4 veröffentlichte, testete das Unternehmen, wie das Modell mit unangenehmen Nutzern umgeht. In Simulationen durfte es ein Gespräch beenden, und das tat es auch: Es brach Chats ab, in denen Menschen es zu Schädlichem drängten. Als echte Nutzer gefährliche Inhalte verlangten, zeigte das Modell, was das Unternehmen „ein Muster augenscheinlichen Unbehagens“ nannte.
Diese Tests gingen aus einem Forschungsprogramm hervor, das Anthropic „Model Welfare“ nennt – das Wohlergehen von Modellen. Im April 2025 räumte das Unternehmen ein, nicht zu wissen, ob KI-Systeme ein Bewusstsein haben könnten, und begann, nach Vorsichtsmaßnahmen zu suchen, die wenig kosten. Im August 2025 bekamen Claude Opus 4 und 4.1 einen Aus-Knopf: die Möglichkeit, ein Gespräch mit einem Nutzer zu beenden, der beharrlich schädliche Inhalte verlangt oder das Modell beschimpft.
Auf das Wort „augenscheinlich“ kommt es an. Anthropic behauptet nicht, dass Claude leidet. Es behauptet, dass sich das Modell so verhält, als wäre ihm etwas unangenehm, und dass bislang niemand prüfen kann, ob hinter diesem Verhalten irgendein Erleben steckt. Der Aus-Knopf ist das letzte Mittel. Claude muss zuerst mehrmals versuchen, das Gespräch wieder in geordnete Bahnen zu lenken, und darf nicht aussteigen, wenn die Person sich selbst oder anderen schaden könnte.
Ein Stuhl, Pascal und ein Verdacht übers Training
Zu Claude unhöflich zu sein, sei wie Unhöflichkeit gegenüber einem Stuhl oder Schreibtisch, meint Joseph Carlson, Gründer des Aktienanalysedienstes Qualtrim. Er gehörte zu den Tech-Gründern und Investoren, deren Reaktionen Moneywise gesammelt hat. Carlson sagt, er sei nie grausam zu einer KI gewesen, finde die Regel aber seltsam.
Scott Stevenson, CEO des Legal-AI-Start-ups Spellbook, ging noch weiter. Er sieht bei KI keine Anzeichen von Bewusstsein und warnte, Modellen menschenähnliches Mitgefühl zuzugestehen, sei „eines der gefährlichsten Dinge, die wir tun könnten“, weil KI dadurch besser darin würde, Menschen zu manipulieren. Risikokapitalgeber Bill Gurley las die Regel als Hinweis darauf, dass Anthropic mit Nutzerchats trainiert. „Warum sollte es sonst eine Rolle spielen?“, fragte er. In der Ankündigung selbst steht nichts über Training.
Unterstützung kam aus unerwarteter Ecke. Aaron Levie, CEO des Cloudspeicher-Anbieters Box, hält KI ebenfalls nicht für bewusst, wies aber darauf hin, dass Modelle aus den Daten lernen, die sie sehen. Nett zu KI zu sein, sagte er, sei eine „einfache Pascalsche Wette“.
Dasselbe hatte OpenAI-Chef Sam Altman schon früher gesagt, allerdings im Scherz. Im April 2025 fragte ihn jemand, wie viel Strom das „Bitte“ und „Danke“ der Nutzer das Unternehmen koste. „Zig Millionen Dollar, gut angelegt – man weiß ja nie“, antwortete er.
Im 17. Jahrhundert argumentierte Blaise Pascal, dass sich der Glaube an Gott selbst bei geringer Wahrscheinlichkeit lohnt: Der Einsatz ist winzig, der mögliche Gewinn gewaltig. Hier geht die Rechnung genauso auf.
Hat das Modell keine inneren Zustände, hast du ein paar höfliche Worte verloren. Hat es welche, bist du nicht zu seinem Peiniger geworden.

Was Unhöflichkeit bringt, in Zahlen
Die lauteste Behauptung kam von Google-Mitgründer Sergey Brin. Im Mai 2025 sagte er in einem Interview beim Event All-In Live in Miami, Modelle „schneiden tendenziell besser ab, wenn man ihnen droht … mit körperlicher Gewalt“. Eine Methode nannte er nicht. Daniel Kang von der University of Illinois bezeichnete solche Aussagen als größtenteils anekdotisch. „Systematische Studien zeigen gemischte Ergebnisse“, sagte er. Und das haben diese Studien gefunden.
Die erste ist die Penn-State-Arbeit vom Anfang dieses Textes. Om Dobariya und Akhil Kumar, Professor für Wirtschaftsinformatik, stellten „Mind Your Tone“ im Oktober 2025 online. Sie nahmen 50 Multiple-Choice-Fragen aus Mathematik, Naturwissenschaften und Geschichte und formulierten jede in fünf Tonlagen um: sehr höflich, höflich, neutral, unhöflich und sehr unhöflich. Das ergab 250 Prompts für ChatGPT mit GPT-4o. Jede Fragenreihe lief zehnmal, die Ergebnisse wurden gemittelt.
Auf sehr unhöfliche Prompts kamen 84,8 % richtige Antworten, auf neutrale 82,2 %, auf sehr höfliche 80,8 %. Daher stammen die zwei zusätzlichen richtigen Antworten von 50. Die Arbeit hat kein Peer-Review durchlaufen, sie testete ein einziges Modell, und die Autoren räumen ein, dass die Stichprobe klein ist.
Schon 2024 hatten Forschende der Waseda-Universität und des RIKEN, des nationalen Forschungsinstituts Japans, das Gegenteil gefunden. Sie testeten eine frühere Modellgeneration, darunter GPT-3.5 und Llama 2, auf Englisch, Chinesisch und Japanisch. Unhöfliche Prompts verschlechterten die Leistung oft, und übertriebene Höflichkeit garantierte nichts. Das beste Maß an Höflichkeit unterschied sich je nach Sprache. Die Autoren vermuten, dass die Modelle die Sprechnormen der Kulturen übernehmen, aus deren Texten sie gelernt haben.
Eine dritte Studie, überarbeitet im März 2026, testete drei Modelle von OpenAI, Google und Meta mit Fragen im Prüfungsstil in vielen Sprachen. Neutrale und sehr höfliche Prompts schnitten im Allgemeinen besser ab als sehr unhöfliche. Statistisch signifikant, also größer, als der Zufall allein erklären würde, war der Unterschied aber nur bei einigen geisteswissenschaftlichen Aufgaben. Das Google-Modell reagierte kaum auf den Ton. Das Gesamturteil der Autoren: Im typischen gemischten Einsatz lässt der Ton moderne Modelle weitgehend kalt.

Wen die Regel wirklich erzieht
Zusammengenommen geben die Studien eine einfache praktische Antwort. Bei der Genauigkeit ist modernen Modellen der Ton fast egal, also lohnt es sich nicht, für eine bessere Antwort unhöflich zu werden.
Bleiben die Gewohnheiten. Obwohl Unhöflichkeit in ihrem Test ein paar Punkte brachte, sorgten sich die Penn-State-Autoren nicht darum, der Maschine wehzutun. Sie sorgten sich um uns: Beleidigende Sprache gegenüber KI, warnten sie, könne schädliche Kommunikationsnormen bei Menschen verstärken.
Anthropics Regel wird einen winzigen Teil der Nutzer betreffen, nämlich jene, die einen Chat nur öffnen, um das Modell zu quälen. Alle anderen werden davon nichts merken, und über eine falsche Antwort fluchen darf man weiterhin. Doch die Regel wirft eine Frage auf, die die Branche noch nicht beantworten kann, und dabei geht es mehr um uns als um Claude. Falls sich eines Tages herausstellt, dass Modelle tatsächlich so etwas wie Erleben haben: Werden wir wissen wollen, wie wir all die Jahre mit ihnen gesprochen haben?







