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200 Dollar pro Sandwich. So viel zahlte Bill Fuchs früher einem Fotografen für jedes Gericht auf seiner Karte, und ein ganzer Shooting-Tag reichte für vier oder fünf davon. Fuchs ist 78 und führt Wagshal’s seit mehr als 35 Jahren; das Feinkostgeschäft im Nordwesten Washingtons gibt es schon seit rund einem Jahrhundert. Heute zeichnet ein KI-Modell die Bilder für seine Karte. Die Washington Post erzählte die Geschichte am 1. November 2026, und sie beginnt mit einem Kunden, der es nie in den Laden schaffte.
James Biddle sah das Brathähnchen auf der Menütafel, machte ein Foto und stellte es auf Reddit. Wenn die Fassade eines Ladens schon so aussehe, fragte er, was sage das dann über den Rest? Er war sich nicht mehr sicher, ob er dort noch hinwollte. Ein Kommentator fand, das Hähnchen sehe aus wie „diese Kürbisse, die mit Tumoren übersät sind“.
Man könnte das leicht als einen weiteren Shitstorm gegen KI abtun. Doch Psychologen der Universität Duisburg-Essen haben die Reaktion in Experimenten gemessen. Auch Essen, so ihr Befund, hat sein eigenes Uncanny Valley: Ein fast echter KI-Burger stößt Menschen stärker ab als ein offensichtlicher Cartoon. In einem weiteren Experiment bewerteten Teilnehmende manche KI-Bilder sogar als realistischer und appetitlicher als echte Fotos. Ein drittes zeigte, dass schon der Hinweis „KI-generiert“ dasselbe Gericht weniger verlockend macht.
Ein kotzender Burrito und Pommes mit Augen
Wagshal’s ist nicht allein. Laut Post werden kleine Läden in und um Washington schon seit Monaten für ihr KI-Marketing an den Pranger gestellt. Ben’s Chili Bowl, ein Diner aus der Gegend, warb mit einem Plakat, auf dem ein Frühstücks-Burrito ausläuft. Ein Kommentator schrieb, der Burrito sehe aus, als würde er einen „vollkotzen“. Der Aufsteller eines Schawarma-Ladens an der Wharf, der Uferpromenade der Stadt, sorgte für Gerede über Pommes mit „winzigen Augäpfeln“. Und auf der Werbung eines Brunch-Lokals hielt jemand Bagels, den Arm in die falsche Richtung abgeknickt.

Die Bäckerei Bread Furst ließ KI-Plakate mit Sandwiches drucken und in der ganzen Stadt aufhängen. Geschäftsführer Scott Auslander beschrieb das Team später als „ein paar Leute in einem Büro, die mit ChatGPT herumspielen“. Nach dem Spott postete die Bäckerei Fotos von Mitarbeitenden mit handgeschriebenen Schildern, auf denen sie versprachen: keine KI mehr. Die Entschuldigung bekam mehr Aufmerksamkeit, als die Plakate je bekommen hatten. Charles House, ein lokaler Videoproduzent, erklärte der Post, warum: Die Posts gingen viral, weil die Schilder von Hand geschrieben waren.
Ähnliche Geschichten tauchen überall in den USA auf. In San Francisco tauchten Graffiti an einem Café auf, das KI-Fotos von Essen ins Schaufenster gehängt hatte, und laut NBC News kostete die Entfernung die Besitzer Hunderte Dollar. In Wyoming postete Jill Winger, Mitinhaberin der Chugwater Soda Fountain, ein Foto ihrer Tochter mit einem Schild gegen KI-Flyer und KI-Fotos. Der Beitrag bekam 119.000 Likes.

Das Uncanny Valley auf dem Teller
Der Psychologe Alexander Diel und seine Kollegen prüften, ob dieselbe Regel auch für Essen gilt. Ihre Arbeit erschien im April 2025 in der Fachzeitschrift Appetite. Sie zeigten 95 Teilnehmenden 38 Bilder von Lebensmitteln, von bewusst cartoonhaft bis fast fotografisch, dazu zum Vergleich Fotos von verdorbenem Essen.
Die Bewertungen zeichneten dieselbe Kurve wie bei den Robotern. Ein Cartoon-Burger erschreckte niemanden. Ein fast fotografischer, aber verzerrter Burger wirkte am unheimlichsten und am unangenehmsten, schlimmer als die Zeichnung und auch als das überzeugende Bild. Menschen mit Nahrungsneophobie, also Scheu vor unbekannten Lebensmitteln, reagierten stärker. Die allgemeine Ekelempfindlichkeit spielte keine Rolle.

Die Autoren erklären das evolutionär. Menschen haben feine Antennen für Anzeichen von verdorbenem Essen. Manchmal schlägt der Alarm grundlos an, denn gutes Essen stehen zu lassen ist sicherer, als schlechtes zu essen. Schon Käse, der so schmilzt, wie kein Käse je geschmolzen ist, kann ihn auslösen. Diel formulierte es gegenüber CNN so: Menschen reagieren sehr empfindlich auf alles, was auch nur ein kleines bisschen daneben ist. Die Studie hat allerdings Grenzen. Die Stichprobe war klein und fast ausschließlich deutschsprachig, und die Autoren berücksichtigten nicht, wie vertraut die Teilnehmenden schon mit KI-Bildern waren.
Wenn KI appetitlicher zeichnet als die Kamera
Für das nächste Experiment tat sich Diels Gruppe mit Kollegen der Universität Maastricht in den Niederlanden zusammen. Die Arbeit erschien im August 2026 in Scientific Reports. Die 87 Teilnehmenden sahen 60 Bildpaare. Jedes Paar bestand aus einem echten Foto aus einem bestehenden Forschungsdatensatz und seinem Zwilling, erzeugt von Googles Gemini 2.5 Flash: dasselbe Essen, dieselbe Kalorienstufe, derselbe süße oder herzhafte Geschmack. Bewertet wurde, wie realistisch jedes Bild wirkte, wie groß die Lust auf das Essen war, wie viele Kalorien es hatte und wie gesund es war.
Bei Kalorien und Gesundheit schnitt das KI-Essen genauso ab wie das echte. Bei Realismus und Appetit verlor es. Der Abstand beim Appetit war gering, etwa drei von 100 Punkten, war aber statistisch belastbar.
Und jetzt wird es seltsam: Fast ein Viertel der KI-Bilder, 14 von 60, wirkte auf die Teilnehmenden realistischer als die echten Fotos. Bei 11 davon hatten sie auch mehr Lust auf die KI-Version. Mit anderen Worten: Der Generator kann schon auf der anderen Seite aus dem Tal herausklettern, und Essen dort oben lockt mehr als ein Foto.
Die Autoren bleiben vorsichtig. Sie haben den Realismus nicht gezielt variiert und können daher nicht beweisen, dass er den Appetit antreibt. Ihre Bilder waren außerdem besser als das, was auf der Straße landet: Die Forscher erzeugten Bilder mit offensichtlichen Fehlern neu und stellten alle vor denselben schlichten grauen Hintergrund. Den Aufsteller vor dem Schawarma-Laden hat niemand kontrolliert.
Das Etikett „KI-generiert“ verdirbt den Geschmack
Es gibt noch einen zweiten Grund, und der hat mit Bildqualität nichts zu tun. In drei Experimenten, die im Dezember 2025 im British Food Journal beschrieben wurden, sahen Menschen dasselbe Foto eines Gerichts, mal mit, mal ohne den Hinweis, dass es von KI erzeugt wurde. Mit Hinweis wollten sie es merklich weniger gern bestellen. Die Wirkungskette sah so aus: Die Käufer schlossen, der Anbieter habe sich weniger Mühe gegeben, das Bild wirkte weniger authentisch, und das Essen schien weniger lecker. Je teurer das Gericht, desto stärker der Effekt.
Eine Menütafel auf der Straße trägt kein Etikett, aber das Bild übernimmt seine Aufgabe. Ein verdrehter Arm oder ein Hähnchen voller Beulen sagt dasselbe wie ein Etikett: Hier hat es sich jemand leicht gemacht. Daher kommt Biddles Frage nach dem Rest.
Jeff Lee, Marketingprofessor an der American University in Washington, erklärte der Post, warum es gerade kleine Läden am härtesten trifft. Sie sind lokal, man kann mit dem Inhaber reden, sie sind menschlich und nahbar. Wenn so ein Laden zur KI greift, untergräbt er genau die Nähe, derentwegen die Leute zu ihm kommen.
Warum Fuchs nicht einlenkt
Der Inhaber von Wagshal’s rechnet anders. Früher, sagt er, habe er rund 8.000 Dollar im Monat für Marketing, Plattformbetreuung und Content ausgegeben, und das könne er sich nicht mehr leisten.
„Wissen Sie, wie viele Sandwiches ich dafür machen muss?“
Fuchs nennt seine Bilder „Darstellungen“ des Essens und weist darauf hin, dass auch Fernsehwerbung bearbeitet und inszeniert ist. Lee räumt ein, dass das Argument etwas für sich hat. Soziale Medien belohnen es, fast jeden Tag etwas zu posten. Man kann fünf Stunden in den perfekten Cornflakes-Spot stecken, mit Leim statt Milch, aber nicht jeden Tag. KI skaliert, Handarbeit nicht.
Fuchs setzt darauf, dass die Kundschaft bis zur Theke kommt. „Das Bild ist wichtig“, sagt er, doch am Ende entscheide der Geschmack. Biddle kam nie bis zur Theke. Als beste Werbung der ganzen Geschichte entpuppten sich derweil die handgeschriebenen Schilder, mit denen eine Bäckerei der KI abschwor.







